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Forumsteilnehmer A:
Bei der kürzlich über die Küsten
Südostasiens hereinbrechenden Flut handelt sich um ein geophysikalisches
und soziales Ereignis, dass aus vielen Komponenten besteht: Erdbeben,
mangelnde Sicherheitsvorkehrungen, unorganisierte Rettungsdienste, Armut,
Tourismus, Kapitalismus. Religiöse Menschen wollen (bzw. müssen)
diesem Ereignis auch eine "spirituelle" Bedeutung beimessen.
Buddhisten müßte es schon zu denken geben, dass ihnen nichts
anderes übrig bleibt, als diese Katastrophe ausschliesslich den
karmischen Wirkungen vergangener Handlungen zuzuschreiben. Sie müssten
also - wenn sie ihre eigenen Theorien über Karma, über Ursachen,
Umstände und Wirkungen ernst nehmen würden - erstens und unmissverständlich
darauf hinweisen, dass von diesem Unglück ausschliesslich Personen
betroffen sind, die aufgrund ihres Karmas dieses Ereignis zu erleiden
haben und zweitens, dass sie sich nun auch glücklich schätzen
müßten (Glück im Unglück), da immerhin ein Teil
ihres negativen Karmas vernichtet ist.
Millionen werden getötet in Kriegen, durch sogenannte Naturkatastrophen,
sozial verursachte Krankheiten und Hunger rund so weiter - diesen Menschen,
bzw. den Überlebenden und Angehörigen ins Auge zu sehen und
zu sagen: Karma! Das wäre klar, deutlich und ehrlich. Und jeder
könnte sich so seine eigenen Gedanken über die Wertigkeit
und Plausibilität der buddhistischen Erklärung machen.
Forumsteilnehmer B:
Ich würde Dir empfehlen, dich zunächst einmal eingehend mit
dem Begriff 'karma' und seiner Bedeutung im Buddhadharma zu befassen,
wenn Dir tatsächlich an einer ernsthaften Diskussion gelegen ist
und nicht nur daran, zu provozieren. 'Karma' (= 'Aktion', 'Wirken')
ist in Buddhas Lehre untrennbar mit 'cetana', dem Willen verbunden.
So kommt es z.B. deutlich in Anguttara Nikaya VI.63 zum Ausdruck:
"Es wurde ferner gesagt, daß man das Wirken (karma) zu
erkennen hat, sowie seine bedingte Entstehung, seine Verschiedenartigkeit,
sein Ergebnis, seine Aufhebung und den zu seiner Aufhebung führenden
Weg. Warum aber wurde dies gesagt? Den Willen, ihr Mönche, bezeichne
ich als das Wirken (cetanaham bhikkave kammam vadami), denn, nachdem
man es gewollt hat, vollbringt man das Wirken in Werken, Worten und
Gedanken (mit Körper, Sprache und Geist, kaya, vac und manas)."
Was hat ein Seebeben mit Wille und mit menschlichem Handeln/Wirken zu
tun? Du schwadronierst da herum über Buddhisten und was sie tun
sollten:
"wenn sie ihre eigenen Theorien über Karma, über Ursachen,
Umstände und Wirkungen ernst nehmen würden"
und weisst selbst ganz offensichtlich nicht, wovon Du da redest.
Vielleicht spuken da irgendwelche hinduistischen Vorstellungen oder
selbst zusammengebastelte Ideen von 'karma' als Schicksal oder Fatum
in deinem Kopf herum - ich weiß es nicht. Mit dem Buddhadharma
jedenfalls hat das nichts zu tun.
Forumsteilnehmer A:
Danke für die Reaktionen auf meinen Beitrag. Mit den Antworten
bin ich allerdings nicht besonders zufrieden, da ich sie für ziemlich
konfus und vage halte
Man rät mir, mich mit dem Begriff "Karma" (so wie er
im Buddhismus gelehrt wird) überhaupt erst mal zu befassen und
dann den Nachweis eines korrekten Verständnisses zu erbringen,
bevor man mir zugestehen würde, dass es mir an einer ernsthaften
Diskussion gelegen ist und nicht nur an einer (religionskritischen)
Provokation.
Im Buddhistischen Wörterbuch des Nyanatiloka heißt es unter
dem Stichwort "Karma":
Zitat
Forumsteilnehmer B: "Páli:
kamma, wörtl. 'Wirken, Tat', bezeichnet, genau genommen,
den die Wiedergeburt erzeugenden oder Charakter und Geschick der
Wesen beeinflussenden heilsamen oder unheilsamen Willen (kusala-
oder akusala-cetaná) sowie die damit verbundenen Geistesfaktoren.
Dieser karmische Wille (kamma-cetaná) äußert
sich in körperlichen Taten (káya-kamma), in Worten
(vací-kamma) oder bloß in Gedanken (mano-kamma)."
"Eigner der Taten sind die Wesen, Erben der Taten, die Taten
sind der Schoß, der sie gebiert, sind ihre Freunde, ihre
Zuflucht. Was immer für Taten sie tun, gute oder böse,
deren Erben werden sie sein." - |
Und zum Beispiel durch eine Flutwelle ertränkt, oder - obwohl schwer
verletzt - nicht in ein Bundeswehrflugzeug einsteigen können, weil
man kein Deutscher, sondern nur ein Thai ist. Es gibt Taten die ohne
Karmawirkung bleiben können, falls die zum Eintritt der Wirkung
erforderlichen Umstände fehlen (weil es z.B. keine tektonischen
Beben mit darauffolgenden Fluten gibt), oder falls sie infolge zu geringer
Intensität durch das Übergewicht von entgegenwirkenden Tendenzen
keine Wirkung zu erzeugen imstande sind.
Ich sehe nicht, wie diese Ausführungen meinem Eingangsbeitrag widersprechen,
ging es mir doch um die buddhistische Erklärung für die Ursachen
des Leidens.
Im Buch von Thubten Ngawang "Von der Reinigung des Geistes durch
Meditation" heißt es zum Thema "Karma" in der ihm
eigenen unspektakulären und klaren Weise.
| Zitat
Forumsteilnehmer B: "Nach
der Lehre des Buddha sind die Wahren Ursprünge des Leids
verunreinigte Taten (karma) und leidverursachende Emotionen (klesa).
(...) Buddha Shakyamuni hat viele Unterweisungen in Verbindung
mit Karma gegeben und Karma als die wesentliche Ursache für
Glück und Leid beschrieben. Was heißt Karma? Das Wort
Karma bedeutet Handlung, Tat, und es bezieht sich auf Anlagen,
die wir alle in uns tragen und die wir uns durch eigene Handlungen
zugelegt haben. Entsprechend den Handlungen, von denen sie herrühren,
sind sie heilsam oder unheilsam und führen zur Erfahrung
von Glück oder leid. Weil sie von uns selbst geschaffen wurden,
weil sie sich in uns selbst befinden und weil sie bei uns selbst
Glück oder Leid bewirken, deshalb ist Karma keine äußere,
unabhängige Macht, die uns willkürlich Glück oder
Leid auflegt." |
Dies widerspricht nicht meiner "Ausgangsthese", sondern bestätigt
sie, und ist ziemlich klar formuliert, finde ich.
Ganz anders das: "Was hat ein Seebeben mit Wille und mit menschlichem
Handeln/Wirken zu tun?"
Eine tektonische Bewegung hat natürlich nichts mit dem "Willen"
zu tun, wer hat denn das behauptet? Das Beben und die Flut waren die
äußeren Umstände, die es (nach buddhistischer Auffassung)
ermöglicht haben, dass sich die karmischen Anlagen als Erfahrung
von Tod, Leid und Verderben ausgewirken konnten. Getroffen wurden diejenigen,
die mit ihren negativen karmischen Anlagen zur falschen Zeit am falschen
Ort waren. Das ist zwar vielleicht nicht wirklich tröstlich - aber
doch buddhistisch.
Forumsteilnehmer B:
Ich stelle zu meiner Freude fest, dass Du Dich doch etwas eingehender
mit dem Begriff 'Karma' befasst hast. Wenn Du allerdings dann zu solchen
Schlussfolgerungen kommst wie in Deinem Ausgangsposting:
| Zitat Forumsteilnehmer A:
"Buddhisten müßte
es wiederum schon zu denken geben, dass ihnen nichts anderes übrig
bleibt [...], als diese Katastrophe ausschliesslich den karmischen
Wirkungen vergangener Handlungen zuzuschreiben (plus ungünstigen
"Umständen"). Sie müssten also - wenn sie
ihre eigenen Theorien über Karma, über Ursachen, Umstände
und Wirkungen ernst nehmen würden - erstens und unmissverständlich
darauf hinweisen, dass von diesem Unglück ausschliesslich
Personen betroffen sind, die aufgrund ihres Karmas dieses Ereignis
zu erleiden haben und zweitens, dass sie sich nun auch glücklich
schätzen müßten (Glück im Unglück),
da immerhin ein Teil ihres negativen Karmas vernichtet ist." |
- dann hast Du da anscheinend etwas grundlegend missverstanden. Ursache
für diese Art Missverständnis ist bei Westlern häufig,
dass sie 'Karma' durch die Brille ihrer christlichen Sozialisierung
betrachten und hier völlig sachfremde Implikationen wie 'Strafe'
oder 'Schuld' hineindeuten - auch wenn sie statt 'Schuld' vielleicht
'negatives Karma' sagen und statt 'Strafe' 'Vernichtung negativen Karmas'.
Extreme Beispiele dieser Art findet man dann bei manchen Esoterikern,
die dann auch noch von 'Gruppenkarma' schwafeln und einem flugs 'beweisen',
dass z.B. die Juden wegen ihres schlechten Karmas am Holocaust selbst
schuld (oder doch zumindest mitschuldig) sind - natürlich nur 'karmisch'
gesehen. Ich will Dir selbstverständlich absolut nichts dergleichen
unterstellen - nur deutlich machen, zu welch absurden Folgerungen eine
falsche Auffassung von Karma führen kann.
Zunächst einmal gibt es Kausalität - das ist die Art, wie
wir die Welt begreifen, wie wir unsere Wahrnehmungen und Empfindungen
in einen Sinnzusammenhang bringen. Wenn jemand also zur fraglichen Zeit
am Strand von Phuket ein Sonnenbad genommen hat oder auf Fischfang auf
dem Meer war und dann in der Flutwelle ertrunken ist, dann haben wir
eine unmittelbare kausale Beziehung. Wir nennen das eine Ursache, das
andere Wirkung und bringen es so in einen Zusammenhang. Kausale Bedingungen
(Ursachen) lassen sich wiederum auf andere kausale Bedingungen zurückführen
usw. ad infinitum.
Wir haben also Kausalketten, die bei vielen Menschen letzlich dazu geführt
haben, dass sie durch ein Seeben umgekommen sind. Gleichzeitig sind
eine Menge anderer Menschen aufgrund anderer Kausalketten z.B. im Sudan
verhungert oder von Banditen erschlagen worden, wieder andere wurden
in Deutschland vom Auto überfahren oder starben an einem Herzinfarkt
und wieder andere schreiben Diskussionsbeiträge usw. usf. Es ist
eine weitverbreitete Krankheit, in diesen Kausalketten irgendeinen Sinn
erkennen zu wollen - eine Vorherbestimmung, Strafen und Belohnungen
usw... Aber das sind nur Selbsttäuschungen, die aus der Annahme
eines 'Ich' resultieren. Kausalität ist eine Art des Begreifens
und Ergreifens, ist die Form von Upadana - nichts 'an sich' Existierendes.
Kausalität hat einzig und allein den Sinn, den wir selbst (das,
was wir für unser Ich halten) ihr geben.
Nun zum Karma. Einen guten Teil der Kausalkette, deren Ende unser jetziger
Existenzmoment ist, erfahren wir als willensgesteuert - d.h. es gibt
recht häufig Fälle, in denen ein Willensimpuls kausale Bedingung
ist. Bei diesen Willensimpulsen können wir von 'Karma' sprechen
und wenn wir deren kausal verursachte Folgen erfahren, sprechen wir
von 'Frucht', Phala. Die Willensimpulse und das daraus resultierende
Handeln wird in 'heilsam' und 'unheilsam', kusala und akusala, klassifiziert.
Es geht dabei nicht um Schuld - womöglich noch in Form eines 'Kontos',
das ausgeglichen werden muss oder auf dem man ein Guthaben ansammelt
- oder um 'negatives Karma'. Negatives Karma gibt es genauso wenig,
wie es positive oder negative Kausalität gibt. Aus einer Ursache
folgt eine Wirkung, daran gibt es nichts negatives oder positives. Kusala,
heilsam, wird eine Handlung als Ursache genannt, die geeignet ist, in
Folge Samudaya aufzulösen - also die Ursache von Duhka. Akusala
dagegen sind Handlungen, die Samudaya erhalten und verstärken.
Samudaya wiederum ist wesentlich Tanha, Durst, mit seinen Wurzeln Gier,
Hass und Unwissenheit.
Karmische Folgen sind also entweder die Auflösung von Gier, Hass
und Unwissenheit oder aber deren Erhaltung und Verstärkung. Um
Naturkatastrophen geht es dabei nicht. Unter Naturkatastrohen zu leiden,
ist ein völlig normaler Teil unserer Erfahrung von Samsara. Wir
sind entsetzt durch die schiere Anzahl der durch das Seebeben Betroffenen,
durch die Quantität. Aber dass so viele Menschen durch ein und
dasselbe Ereignis gleichzeitig betroffen sind, macht dies für den
einzelnen Betroffenen nicht zu einer besonderen oder extremen Qualität
von Duhka - schon gar nicht zu einer auf besondere Weise karmisch 'verdienten'.
Qualitativ ist der Einzelne nicht anders betroffen als jemand, der bei
einem Badeunfall in der Ostsee ertrinkt. So grauenvoll die Folgen des
Seebebens sind - sie sollten uns nicht den Blick verstellen auf das
Leid, das weltweit und jederzeit erfahren wird.
Wir haben die Möglichkeit, in diesem Falle ganz konkret heilsames
Karma zu wirken, indem wir mit Dana helfen. Das ist für mich der
einzig bedeutsame karmische Aspekt dieser Naturkatastrophe.
Forumsteilnehmer A:
Du hast mir noch nicht verständlich machen können, was ich
denn nun bei der Beziehung zwischen "unheilsamen Willens-Handlungen"
und der daraus folgenden Erfahrung von Leiden eigentlich "grundlegend
missverstanden" habe. Wieso sehe ich "Karma durch die Brille
meiner christlichen Sozialisierung da ich auch nicht von "Strafe"
oder "Schuld" rede, sondern von Ursache, Wirkung, Leiden?
Mir ist übrigens von Menschen, die keineswegs christlich, sondern
buddhistisch sozialisiert wurden (Leute aus Thailand, Sri Lanka, Taiwan,
China ) mehr als einmal der Eindruck vermittelt worden, sogar ausgesprochen
direkt, dass sie selbst ihr Glück (z.B. Erfolg im Restaurantwesen)
als Belohnung ihrer guten Taten interpretieren (z.B. dana, Gaben an
Mönche und Nonnen) und sie deshalb eifrig spenden, sich verneigen
usw. um - so explizit geäußert - "gutes Karma"
anzuhäufen.
Leute, die bestimmten Schulen des Mahayana anhängen, und die Hundertausende
oder Millionen Mantras oder Anrufungen ihrer Oberhäupter rezitieren,
tun dies - egal ob "Westler" oder "Nicht-Westler"
- um Verdienste zu sammeln und demnach positives, heilsames Karma (Samen,
aus denen Früchte entstehen) anzuhäufen mit dem Ziel, in der
Zukunft glückliche Umstände für das Geldverdienen (Wohlstand,
Schönheit, Langes Leben) oder - natürlich wird dies als angemesseneres
Ziel dargestellt - bei der spirituellen Entwicklung zu erzielen. Die
große Mehrheit der Buddhisten, z.B. in China, geht nur deshalb
in die Tempel, zündet dort Räucherstäbchen an und spendet
Geld, um in diesem Leben von Buddha und den Bodhisattvas beschützt
zu werden und einen gewissen materiellen Wohlstand zu erlangen und ihn
zu behalten, um vor Krankheiten und Unfällen geschützt zu
werden. Diejenigen, die sich dazu auch noch für kommende Leben
(Wiedergeburten) interessieren, rezitieren auch noch Gebete an Amithaba,
um in seinem Reinen Land (Sukhavati) wiedergeboren zu werden.
Analoges gilt für die verschiedenen aus Verblendung, Gier und Hass
begangenen karmisch unheilsamen Handlungen, die man vermeiden sollte,
um nicht negative karmische Resultate ("Früchte") zu
ernten. Das heißt, allen ist klar, dass bestimmte Handlungen und
Unterlassungen das genaue Gegenteil dessen bewirken, was die meisten
Menschen (Buddhisten) anstreben, nämlich statt Geschäftserfolg,
Bankrott, statt ein langes Leben, in jungen Jahren in Salzwasser zu
ertrinken, statt Wiedergeburt in Sukhavati, Wiedergeburt in einem Schweinestall.
Dies ist die allgemeine buddhistische Meinung, die mit mir, dem Christentum
usw. nichts zu tun hat, sondern das direkte Ergebnis der buddhistischen
Lehren bei der Masse der Gläubigen ist. Dabei ist mir durchaus
klar, dass man Karma auch weniger "vulgär" interpretieren
könnte und ich kenne Bodhidharmas berühmte Antwort auf die
Frage des chinesischen Kaisers Wu, ob sein Bau von Klöstern ihm
irgendwelche (karmischen) Verdienste gebracht hätte. (Antwort:
"keine Verdienste".)
Du schreibst:
Zitat
Forumsteilnehmer B: "Extreme
Beispiele dieser Art findet man dann bei manchen Esoterikern,
die dann auch noch von 'Gruppenkarma' schwafeln und einem flugs
'beweisen', dass z.B. die Juden wegen ihres schlechten Karmas
am Holocaust selbst schuld (oder doch zumindest mitschuldig) sind
- natürlich nur 'karmisch' gesehen. Ich will Dir selbstverständlich
absolut nichts dergleichen unterstellen - nur deutlich machen,
zu welch absurden Folgerungen eine falsche Auffassung von Karma
führen kann."
|
Ich finde es gut, die Folgerungen von bestimmten Lehren anhand von extremen
Beispielen zu diskutieren, denn dadurch werden die Implikationen und
Folgerungen aus diesen Lehrern deutlicher. Die Vernichtung der europäischen
Juden durch die Nationalsozialisten (samt Anhang) eignet sich sehr gut
dafür, die buddhistische Karma-Lehre genau darzustellen, sie zu
analysieren und zu kritisieren.
Wenn ich das, was ich oben geschrieben habe, wobei ich mich auf buddhistische
Authoritäten, als auch auf die Alltagsreligion der Masse der Buddhisten
bezogen habe, auf das Beispiel des Holocaust/der Shoa beziehe, dann
muss ich folgerichtig zum Ergebnis kommen, dass das Erleiden einer Ermordung
(sei es durch Arbeit, Hunger, Erschiessung, Vergasung) zwangsläufig
auch das Ergebnis der eigenen karmischen Voraussetzungen ist. Die ist
buddhistisch und es ist Deine Sache, wenn Du diese Verbindung, anders
als es Buddha tut, als "schwachsinnig" bezeichnen willst.
(Die genauen Argumentationsmuster der von Dir erwähnten rechten
Esoteriker kenne ich nicht, deshalb interessieren mich diese Leute jetzt
mal nicht.)
Ich vermisse bei Dir eine klare Widerlegung der These, dass es zwischen
unheilsamen Handlungen, der Ansammlung unheilsamen Karmas (Samen) und
dem Erleben von Leiden eine Verbindung gibt (Frucht der Handlungen).
Zunächst kritisierst Du nur eine Randerscheinung, die Behauptung,
dass es ein "Gruppenkarma" gibt. Gut, angenommen, es gibt
kein "Gruppenkarma", da es sich um Individuen (wobei wir die
Anatta-Lehre berücksichtigen wollen) handelt mit je unterschiedlichen
karmischen Anlagen in ihrem eigenen Geist. Dem kann ich folgen, ich
nehme aber an, dass verschiedene Leute ähnliche karmische Anlagen
haben können und sie deshalb sich auch unter ähnlichen Bedingungen
wiederfinden, z.B. in einem Viehwagon und einer Gaskammer. Dann konzentrierst
Du Dich auf die Frage der "Kausalität":
| Zitat
Forumsteilnehmer B: "Wenn
jemand also zur fraglichen Zeit am Strand von Phuket ein Sonnenbad
genommen hat oder auf Fischfang auf dem Meer war und dann in der
Flutwelle ertrunken ist, dann haben wir eine unmittelbare kausale
Beziehung. Wir nennen das eine Ursache, das andere Wirkung und
bringen es so in einen Zusammenhang. Kausale Bedingungen (Ursachen)
lassen sich wiederum auf andere kausale Bedingungen zurückführen
usw. ad infinitum. Wir haben also Kausalketten, die bei vielen
Menschen letztlich dazu geführt haben, dass sie durch ein
Seebeben umgekommen sind. Gleichzeitig sind eine Menge anderer
Menschen aufgrund anderer Kausalketten z.B. im Sudan verhungert
oder von Banditen erschlagen worden, wieder andere wurden in Deutschland
vom Auto überfahren oder starben an einem Herzinfarkt und
wieder andere schreiben Postings für ein Buddhistisches Forum
usw. usf." |
Als Beschreibung ist das sehr gut, jedoch fehlt hier jede Bezugnahme
auf das mich interessierende Thema. Mir geht es nicht um irgendwelche
Kausalitäten (habe Urlaub, kaufe Ticket, liege am Strand, ersaufe),
sondern nur um eine Art der Kausalität: Die Kausalität
zwischen aus Verblendung, Hass und Gier begangenen Handlungen und
dem Erleben von Leiden. Es ist gerade das Ziel des Buddhismus, diese
Kausalität (die Du scheinbar leugnest) zwischen der Ersten
Edlen Wahrheit (vom Leiden) und der Zweiten Edlen Wahrheit (von
der Leidensentstehung) zu begreifen, um das Ziel der Leidensbefreiung
mit adäquaten Mitteln anstreben zu könne
| Zitat
Forumsteilnehmer B: "Nun
zum Karma. Einen guten Teil der Kausalkette, deren Ende unser
jetziger Existenzmoment ist, erfahren wir als willensgesteuert
- d.h. es gibt recht häufig Fälle, in denen ein Willensimpuls
kausale Bedingung ist. Bei diesen Willensimpulsen können
wir von 'Karma' sprechen und wenn wir deren kausal verursachte
Folgen erfahren, sprechen wir von 'Frucht', Phala. Die Willensimpulse
und das daraus resultierende Handeln wird in 'heilsam' und 'unheilsam',
kusala und akusala, klassifiziert. Es geht dabei nicht Schuld
- womöglich noch in Form eines 'Kontos', das ausgeglichen
werden muss oder auf dem man ein Guthaben ansammelt - oder um
'negatives Karma'." |
Abgesehen davon, dass die meisten Buddhisten in ihrem alltäglichen
Leben nicht besonders unterscheiden zwischen "Frucht" (Wirkung)
und "Sühne für eine Schuld", habe ich nie von Schuld,
sondern immer nur von Wirkung gesprochen. Der Unterschied zwischen Sühne
und Wirkung ist mir klar. Ich will auch davon absehen, dass viele Buddhisten
darauf bedacht sind, ihr Konto an "positiven Karma" beständig
zu erhöhen, ein Teil davon mit der Absicht, ihre angehäuften
"Verdienste" mit anderen Menschen zu teilen (Widmung von Verdienst,
Verdienstübertragung).
Festhalten möchte ich mich jetzt daran, dass Du von "Karma"
(Ursache) und der daraus ableitbaren "Frucht" (Wirkung) ebenso
sprichst, wie von "heilsamen" und "unheilsamen"
Handlungen. Ich vermute, dass für Dich "unheilsame Handlungen"
jene Handlungen sind, die nicht nur anderen schaden, sondern auch einem
"selbst". Für den "Täter" (den es ja möglicherweise
gar nicht gibt, jedenfalls nicht so, wie sich viele einen Täter
vorstellen) führen also bestimmte aus Verblendung, Hass und Gier
begangenen Handlungen ebenfalls zum Erleben von Leiden. Klingt doch
ziemlich buddhistisch.
Zitat
Forumsteilnehmer B: "Negatives
Karma gibt es genauso wenig, wie es positive oder negative Kausalität
gibt. Aus einer Ursache folgt eine Wirkung, daran gibt es nichts
negatives oder positives. Kusala, heilsam, wird eine Handlung
als Ursache genannt, die geeignet ist, in Folge Samudaya aufzulösen
- also die Ursache von Dukkha." |
Aha, Du störst Dich also die ganze Zeit bloß an den Adjektiven
"positiv" und "negativ". Du sagst, dass es weder
positive, noch negative Wirkungen gibt, sondern nur Wirkungen. Es
gibt Ursachen und Wirkungen - alles ist sozusagen "wertfrei".
"Dukkha" wird normalerweise mit "Leiden" übersetzt.
Hinzufügen sollte man, dass dieser deutsche Begriff sicherlich
nicht alles umfaßt, was unter Dukkha zu verstehen ist, aber
man kann sich dadurch behelfen, dass man erklärt, was denn im
Buddhismus so alles als Leiden bezeichnet wird: Vom leichten Unwohlsein,
über Geburt, Tod, Vergänglichkei bis hin zum alles durchdringenden
Leiden der Unfreiheit, d.h. der Gebundenheit an Samsara. Immer hat
dies aber insofern eine subjektive Färbung, als es um wirklich
empfundenes, gefühltes Leiden geht. Zur ersten Edlen Wahrheit
vom Leiden heisst es z.B. (alle mit Liebeskummer aber ohne Weihnachtsgeschenke
aufgepasst!):
| Zitat
Forumsteilnehmer B: "Was
aber ist das Leiden im Getrenntsein von Liebem? Was da für
einen erwünschte, erfreuliche, angenehme Objekte sind wie
Formen, Töne, Gerüche, Geschmäcke, Berührungen
und Gedanken oder Wesen, die einem Gutes wünschen, Glück,
Wohlbefinden und Sicherheit wünschen, - der Begegnung mit
solchen ermangeln, mit ihnen nicht zusammenkommen und zusammentreffen,
mit ihnen nicht verbunden sein: Das ist das Leiden im Getrenntsein
von Liebem." |
Ob Du das "Getrenntsein von Liebem" als bloße Wirkung,
oder - wie der Buddha, der offensichtlich warmherziger war - als negative,
unerwünschte, eben leidhafte Wirkung, dass ist nebensächlich.
Ob die Ermordung der Juden (und vieler anderen), ob eine Körperbehinderung
nun als "Wirkung", als "Frucht" ("kausal verursachte
Folgen von Karma"), oder als negative Wirkung und das Erleben von
Leiden bezeichnet wird, es ändert nichts an der Tatsache (bzw.
der buddhistischen These), dass unheilsame Handlungen zu bestimmten
Wirkungen führen, die in der Regel von denjenigen, die diese Wirkungen
erleben, als "negativ", und überhaupt als unerfreulich
und leidvoll erlebt werden.
| Zitat
Forumsteilnehmer B: "Akusala
dagegen sind Handlungen, die Samudaya erhalten und verstärken.
Samudaya wiederum ist wesentlich Tanha, Durst, mit seinen Wurzeln
Gier, Hass und Unwissenheit." |
Vergessen hast Du aber mit aufzulisten, dass aus den Wurzeln "Gier,
Hass und Unwissenheit" das entsteht, und z.B. bei den Juden in
den deutschen KZ´s entstanden ist, worüber wir hier diskutieren:
Dukkha, d.h. Leiden, um dessen Beseitigung es Buddhismus geht.
Aus unheilsamen Handlungen ist also - wenn ich Dir folge - Tanha mit
der Konsequenz von Dukkha entstanden. Der Holocaust/die Shoa war also
für die darunter leidenden Menschen die Frucht von unheilsamen
(Willens-)Handlungen (akusala). Einen tiefen Unterschied zur der von
Dir kritisierten Auffassung der "Esoteriker" kann ich leider
nicht erkennen.
| Zitat
Forumsteilnehmer B: "Karmische
Folgen sind also entweder die Auflösung von Gier, Hass und
Unwissenheit oder aber deren Erhaltung und Verstärkung."
|
Ja, wo bleibt hier das Leiden, das ja eine Konsequenz der Verstärkung
von Gier usw. ist?
| Zitat
Forumsteilnehmer B: "Unter
Naturkatastrohen zu leiden, ist ein völlig normaler Teil
unserer Erfahrung von Samsara." |
Davon kann keine Rede sein. Die jährlichen Überflutungen in
Bangla Desh können nicht mit der sogenannten deutschen "Jahrhundertflut"
in Ostdeutschland verglichen werden. Mitteleuropa ist eine Region, die
von Naturkatastrophen ziemlich verschont geblieben ist. Auch ist bekannt,
dass ein Erdbeben mit irgendeiner Stärke (sagen wir mal 7) in einem
Land, dass über moderne Bautechniken und Materialien verfügt,
wie z.B. Japan 1000 Tote, in einem anderen ("rückständigeren")
Land aber, z.B. im Iran, die gleiche Erdbebenstärke zehn, oder
hundertmal so viele Opfer kostet. Der Buddhismus müßte in
der Lage sein, diese Unterschiede nicht nur ökonomisch usw. (wie
ich es im Wesentlichen tue) zu erklären, sondern religiös,
d.h. hier mit Hilfe der Karma-Lehre.
| Zitat
Forumsteilnehmer B: "Wir
sind entsetzt durch die schiere Anzahl der durch das Seebeben
Betroffenen, durch die Quantität. Aber dass so viele Menschen
durch ein und dasselbe Ereignis gleichzeitig betroffen sind, macht
dies für den einzelnen Betroffenen nicht zu einer besonderen
oder extremen Qualität von Dukha - schon gar nicht zu einer
auf besondere Weise karmisch 'verdienten'. Qualitativ ist der
Einzelne nicht anders betroffen als jemand, der bei einem Badeunfall
in der Ostsee ertrinkt. So grauenvoll die Folgen des Seebebens
sind - sie sollten uns nicht den Blick verstellen auf das Leid,
das weltweit und jederzeit erfahren wird." |
Grundsätzlich gibt es keinen Unterschied zwischen einem Badeunfall
in einem kommunalen Hallenbad oder an anläßlich einer Flutwelle
an einem indonesischen Strand, da hast Du vollkommen recht. Nach buddhistischer
Auffassung ist es aber schier unmöglich Leiden zu erleben, wenn
es dazu keine karmischen Voraussetzungen gibt. Der Buddhismus fragt
in beiden Fällen nach dem "Wieso?".
Eine Flut kann kommen wann und wo sie will. Wenn sie nicht auf Individuen
trifft, in denen bestimmte die Früchte unheilsamer (Willens-) Handlungen
aufgehen, dann kann sie auch wieder verschwinden, ohne irgendein Leiden
verursacht zu haben.
Die nationalsozialistische Herrschaft hätte also theoretisch verschwinden
können (dafür, dass die Nazis letztendlich doch noch besiegt
wurden, gebührt den Soldaten der Roten Armee Ruhm und Ehre), ohne
- trotz all dem widerwärtigen Antisemitismus - auch nur einem Juden
Leiden zugefügt zu haben. Im Umkehrschluß: Da die deutschen
Nazis es geschafft haben, Millionen von Menschen nur deshalb zu ermorden,
weil sie Juden waren (ein ziemlich beispielloses Verbrechen in der modernen
Geschichte), dann ist das - wenn man die buddhistische Lehre vom Leiden
und der Entstehung von Leiden ernst nimmt - ein Beweis dafür, dass
in diesen Leidenden die Früchte vergangener unheilsamer Handlungen
zum Tragen gekommen sind. Der erlebte Holocaust/die Shoah war Wirkung,
Folge, Frucht von vergangenen "Willensimpulsen" dieser Menschen,
oder nochmal mit Deinen Worten:
| Zitat
Forumsteilnehmer B: "Bei
diesen Willensimpulsen können wir von 'Karma' sprechen und
wenn wir deren kausal verursachte Folgen erfahren, sprechen wir
von 'Frucht', Phala. Die Willensimpulse und das daraus resultierende
Handeln wird in 'heilsam' und 'unheilsam', kusala und akusala,
klassifiziert." |
Daraus folge ich: Aus unheilsamen Handlungen entstehen andere Wirkungen,
als aus heilsamen. Aus den ersten entsteht Leiden, aus den zweiten Glück
(Nicht-Leiden). Es ist nicht möglich, dass aus unheilsamen Handlungen
Glück und aus heilsamen Handlungen Leiden entstehen kann. Das Leiden,
das wir erleben, ist die Frucht unheilsamer Handlungen. Das Leiden der
Juden unter deutscher Herrschaft war das Ergebnis ihrer unheilsamen
Handlungen, die sie unter dem Einfluß von Verblendung, Gier und
Hass durchgeführt haben. Darin unterscheiden sie sich natürlich
nicht von uns allen, die wir das Potential haben, zu leiden - das ist
aber ein anderes Thema. Und was die Verknüpfung von "akusala"
und "dukkha" (als eines der drei Daseinsmerkmale) mit "rechter
Esoterik" zu tun haben soll, ist mir unverständlich: Es ist
Buddhismus pur.
| Zitat
Forumsteilnehmer B: "Wir
haben die Möglichkeit, in diesem Falle ganz konkret heilsames
Karma zu wirken, indem wir mit Dana helfen. Das ist für mich
der einzig bedeutsame karmische Aspekt dieser Naturkatastrophe." |
Eine ausgesprochen einseitige Sicht. Zwar ist es gut, zu helfen (ganz
unabhängig von religiösen Gefühlen und Begriffen), möchte
man aber eine Leidenssituation und die künftige Vermeidung von
Leiden verstehen, dann ist die Analyse der Ursachen notwendig.
Wie gesagt, Buddhisten müßten sich dazu ihres eigenes Instrumentariums
bedienen - unter der Voraussetzung, dass sie verstanden haben, was zu
den Grundlagen ihrer Religion gehört.
Abgesehen davon heisst es, dass die größte Gabe, nicht Geld
und "tatkräftiger Unterstützung" ist, sondern die
Gabe (dana) der Lehre des Buddha (Dhamma/Dharma). Dies mag man kritisieren,
ist aber dennoch sehr "buddhistisch" - klar, dass sich Brot
(für die Welt) und die Analyse der Ursachen des Leidens nicht widersprechen
müssen, allerdings hat sich der Buddhismus - das dürfte seine
eigentliche Existenzberechtigung sein - der Aufklärung über
wahren Ursachen und die Beseitigung des Leidens zur Hauptaufgabe gemacht.
Forumsteilnehmer B:
| Zitat Forumsteilnehmer A:
Man
hat mir noch nicht verständlich machen können, was ich
denn nun bei der Beziehung zwischen "unheilsamen Willens-Handlungen"
und der daraus folgenden Erfahrung von Leiden eigentlich "grundlegend
missverstanden" habe. |
Dein grundlegendes Missverständnis ist, dass Du eine ganz spezifische
Leidenserfahrung (z.B. das Ertrinken in einer Flutwelle) mit "unheilsamen
Willens-Handlungen" in direkte und unmittelbare Verbindung bringst.
Die Kette ist avidya-samskara-vijnana-namarupa-sadayatana-sparsa-vedana-trsna-upadana-bhava-jati-jaramarana.
Karma wirkt im Bereich der samskara, der 'karmischen Gestaltungen. Zweites
Glied des Pratityasamutpada. Geburt und schließlich Altern und
Sterben, der Bereich, in dem Duhka erfahren wird, kommt erst an elfter
und zwölfter Stelle. Du machst es Dir ein wenig zu einfach. Studiere
Pratityasamutpada, das bedingte Entstehen, und vielleicht werden dir
die Zusammenhänge etwas klarer. So simpel, wie Du meinst, sind
sie nicht.
| Zitat Forumsteilnehmer A:
Wieso
sehe ich "Karma durch die Brille meiner christlichen Sozialisierung"
wenn ich Buddhisten (Geshe Thubten, Nyanatiloka und den Buddha
selbst) zitiere und nie von "Strafe" oder "Schuld"
rede, sondern von Ursache, Wirkung, Leiden? |
In Nyanatilokas Wörterbuch-Artikel finde ich nichts, was Deine
These, es bestünde ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen spezifischen,
konkreten Leiderfahrungen und Karma, bestätigen würde. Der
Zusammenhang ist lediglich mittelbar - aufgrund von karma entsteht über
mehrere Zwischenglieder eine samsarische Existenz und diese Existenz
ist grundsätzlich duhka, leidhaft. WIE sie leidhaft ist (ihre Qualität),
das hängt nicht von äußeren Bedingungen ab - ob ich
Erdbeben erfahre, eine chronische Krankheit oder 'nur' ein zutiefst
langweiliges und unausgefülltes Leben. Die Qualität des Leidens,
seine Tiefe, hängt nicht von äußeren Bedingungen ab,
sondern vom Anhaften an den Skandhas, sie bemisst sich nach Gier, Hass
und Verblendung. Wer durch Karma den Klesa in besonderem Maße
unterliegt, der erfährt Leiden schon durch einen Mückenstich.
Wer frei davon ist, für den ist das Ertrinken in einer Flutwelle
etwas, das man annimmt, wie es kommt. Wie es heute ein Dharma-Freund
mit einem Gedicht des Zen-Meisters Ryokan zum Ausdruck brachte:
Wenn du einem Unheil begegnest,
ist es gut, dem Unheil zu begegnen.
Wenn du stirbst,
ist es gut zu sterben.
Dies ist die wunderbare Weise
dem Unheil zu entrinnen.
Wenn Du eine Naturkatastrophe aus der Perspektive 'karmisch verdient'
oder 'karmische Vergeltung' für 'unheilsames Handeln' betrachtest
- wenn das Dein Verständnis von "Ursache, Wirkung, Leiden"
ist, dann ist das in der Tat nicht weit entfernt von der theistischen
Auffassung vom sündigen Verstoßen gegen Gebote und daraus
folgender Strafe. Nur ist Deine als 'ausgleichende Gerechtigkeit' wirkende
Instanz kein strafender Gott, sondern ein mysteriös 'irgendwie'
wirkendes Karma (das 'wie' kannst Du ja offensichtlich nicht erklären),
das die 'Schlechten' bestraft, indem es sie 'irgendwie' anfällig
für Naturkatastrophen macht. Oder so ...
Ich bin davon überzeugt, unter den 150000 Menschen oder mehr, die
in der Flutwelle umgekommen sind, waren auch einige mit 'perfektem'
Karma und diese haben bestimmt nicht gelitten. Das Leiden findet in
Deinem und durch Deinen durch Karma geformten Geist und Körper
(Namarupa) statt. Karma ist somit eine (indirekte, vgl. Pratityasamutpada)
Bedingung dafür, WIE und DASS Du SUBJEKTIV Samsara und damit allgemein
Duhka erfährst - nicht dafür, was Du objektiv und konkret
erfährst. Dem widersprechen auch die von Dir zitierten Herren Thubten
und Nyanatiloka nicht. Und dies durch Aussagen des Buddha zu widerlegen,
dürfte Dir auch schwer fallen.
| Zitat Forumsteilnehmer A:
Mir
ist übrigens von Menschen, die keineswegs christlich, sondern
buddhistisch sozialisiert wurden (Leute aus Thailand, Sri Lanka,
Taiwan, China ) mehr als einmal der Eindruck vermittelt ...[snip] |
Ich lasse mal die restlichen Ausführungen hierzu weg. Diese Formen
populären Aberglaubens sind mir durchaus bekannt. Nun - reden wir
hier über Folklore oder über den Dharma? Sicher hast Du insofern
recht, als für ein Missverstehen des karmischen Prinzips nicht
immer und ausschließlich eine christliche Sozialisation verantwortlich
zu machen ist. Nur noch kurz hierzu, obwohl es ein wenig off topic ist:
| Zitat Forumsteilnehmer A:
Diejenigen,
die sich dazu auch noch für kommende Leben (Wiedergeburten)
interessieren, rezitieren auch noch Gebete an Amithaba, um in
seinem Reinen Land (Sukhavati) wiedergeboren zu werden. |
Wenn man sich ein wenig tiefergehend mit der Lehre etwa der Jodo-Shinshu
oder mit der chinesischen Praxis des Ch'an-ching I-chih (vereinte
Praxis von Ch'an und Reines Land) beschäftigt, wird deutlich,
dass Sukhavati kein 'Ort' körperlicher Wiedergeburt ist, sondern
eine Entwicklungsstufe des Geistes. Dies dürfte auch bei anderen
Schulen des Amidismus ähnlich sein - bei dem 'Glaubensbuddhismus'
ist es ähnlich wie bei den Christen; auch dort können die
wenigsten Gläubigen etwa das Dogma der Dreifaltigkeit oder die
menschlich-göttliche Doppelnatur des Messias erläutern.
Muss ja auch nicht sein.
| Zitat Forumsteilnehmer A:
Analoges ... |
Mit Analogien zu argumentieren, ist immer problematisch ... läuft
meistens darauf hinaus, Kirschen mit Melonen zu vergleichen.
| Zitat Forumsteilnehmer A:
...
gilt für die verschiedenen aus Verblendung, Gier und Hass
begangenen karmisch unheilsamen Handlungen, die man vermeiden
sollte, um nicht negative karmische Resultate ("Früchte")
zu ernten. Das heißt, allen ist klar, dass bestimmte Handlungen
und Unterlassungen das genaue Gegenteil dessen bewirken, was die
meisten Menschen (Buddhisten) anstreben, nämlich statt Geschäftserfolg,
Bankrott, statt ein langes Leben, in jungen Jahren in Salzwasser
zu ertrinken, statt Wiedergeburt in Sukhavati, Wiedergeburt in
einem Schweinestall. |
Dann schildere mir doch bitte einmal ganz konkret die unheilsame karmische
Handlung, die zum Ertrinken bei einem Seebeben führt. Und damit
meine ich nicht das Buchen eines Urlaubs. Umgekehrt könnte ich
Dir ein paar unzweifelhaft unheilsame karmisch wirksame Handlungen nennen,
die zu Geschäftserfolg führen. Was das allerdings mit dem
Dharma zu tun hat ... Soviel zu Analogien.
| Zitat Forumsteilnehmer A:
Dies
ist die allgemeine buddhistische Meinung, die mit mir, dem Christentum
usw. nichts zu tun hat, sondern das direkte Ergebnis der buddhistischen
Lehren bei der Masse der Gläubigen ist. |
Da fällt mir ein - hat nicht gerade heute wieder jemand auf das
Kalamer-Sutta hingewiesen? "Geht nicht nach Meinungen ..."
Nun, meine Meinung ist es jedenfalls nicht. Also ist das entweder
keine "allgemeine buddhistische Meinung" (btw hat Buddhismus
gerade mit 'Meinungen' und 'Deinungen' nicht allzuviel zu tun) oder
ich bin kein Buddhist ... Whatever ...
Mir scheint, ich höre da eine Anklage heraus, nach dem Muster
'auf diese Weise verdummt der Buddhismus die Leute'. Das halte ich
für eine grobe Fehlinterpretation. Gerade in den Ländern,
die Du ansprichst, ist es für die Menschen, die es wirklich wollen,
einfacher, als Mönch eine solide Ausbildung im Dharma zu erfahren
und solche Missverständnisse zu überwinden, als bei uns.
Dafür ist bei uns das allgemeine Bildungsniveau höher und
es gibt deutlich mehr freie Zeit, so dass bei uns ein Laie sehr viel
intensiver studieren kann, als der durchschnittliche Laie in diesen
Ländern. Aber all dies ist im Grunde genommen völlig uninteressant.
Es kommt gar nicht auf ein theoretisches Verständnis des Dharma
an, sondern auf das Praktizieren des achtfachen Pfades. Es geht nicht
um theoretische Erkenntnisse, sondern um Einsicht.
Kennst Du die Geschichte der Nonne Kisagotami und ihres toten Kindes?
Buddha hat ihr keine Vorträge über Karma gehalten und ihr
gesagt, sie sei selbst daran schuld, dass ihr Kind gestorben ist (und
das Kind natürlich sowieso). Er hat ihr geholfen, indem er sie
die Unvermeidbarkeit von Duhka erfahren ließ.
| Zitat Forumsteilnehmer A:
Wenn
ich das, was ich oben geschrieben habe, wobei ich mich auf buddhistische
Authoritäten, als auch auf die Alltagsreligion der Masse
der Buddhisten bezogen habe, auf das Beispiel des Holocaust/der
Shoa beziehe, dann muss ich folgerichtig zum Ergebnis kommen,
dass das Erleiden einer Ermordung (sei es durch Arbeit, Hunger,
Erschiessung, Vergasung) zwangsläufig auch das Ergebnis der
eigenen karmischen Voraussetzungen ist. |
Vor Missverständnissen ist auch der Dharma nicht gefeit - nicht
vor Deinen und nicht vor denen "der Masse der Buddhisten".
Die 'buddhistischen Autoritäten' nimmst Du mE völlig zu Unrecht
für diese Auffassung in Anspruch - zumindest so weit es die von
Dir beigebrachten Zitate betrifft. Auf Nyanatiloka kannst Du Dich jedenfalls
mit Sicherheit nicht berufen, schreibt er doch: "the Buddhist term
'karma' by no means signifies the result of actions and qite certainly
not the fate of man, or perhaps even of whole nations (the so-called
wholesale or mass-karma), misconceptions which, through the influence
of theosophy, have become widely spread in the West". Das steht
im selben Artikel über 'karma', aus dem Du weiter oben zitiert
hast; Du wirst es in Deiner deutschen Übersetzung (ich habe nur
die englische Ausgabe) sicher auch finden, falls Du es nur übersehen
hast.
| Zitat Forumsteilnehmer A:
Ich
vermisse bei Dir eine klare Widerlegung der These, dass es zwischen
unheilsamen Handlungen, der Ansammlung unheilsamen Karmas (Samen)
und dem Erleben von Leiden eine Verbindung gibt (Frucht der Handlungen).
|
Das ist doch gar nicht Deine These. Warum sollte ich dies widerlegen?
Zu bestreiten, dass unheilsames Handeln samsarische Existenz bedingt
und dass diese leidhaft ist, wäre in der Tat 'unbuddhistisch' -
käme mir nicht in den Sinn. Ich bestreite nicht einmal, dass diese
samsarische Existenz um so leidhafter erfahren wird, je unheilsamer
das Karma ist. Aber das ist - wie schon erläutert - eine Sache
subjektiven Empfindens und nicht objektiver Umstände.
| Zitat Forumsteilnehmer A:
...
ich nehme aber an, dass verschiedene Leute ähnliche karmische
Anlagen haben können und sie deshalb sich auch unter ähnlichen
Bedingungen wiederfinden, z.B. in einem Viehwagon und einer Gaskammer. |
Wir haben hier alle "ähnliche karmische Anlagen" - schließlich
wurden wir als Menschen im Samsara, im Leben-und-Tod geboren. Aber was
mich interessiert - was bringt Dich zu dieser Annahme? Und komm jetzt
nicht mit Zitaten, egal ob halb, ganz oder garnicht verstanden. Erklär
mir mal in Deinen eigenen Worten, wie das funktionieren soll, wie karma
auf reproduzierbare Weise (gleiches Karma - gleiche Frucht) eine genau
bestimmte Frucht hervorbringen soll. Und bevor Du mich wieder 'missverstehst'
- nein, ich bestreite keineswegs, das karma eine Frucht erzeugt. Diese
Frucht ist der Geist des Menschen, der da im Viehwaggon sitzt - nicht
der Waggon. Menschen haben sich "z.B. in einem Viehwagon und einer
Gaskammer" wiedergefunden, weil sie Juden waren und weil andere
Menschen ein Objekt für ihren Hass gesucht haben. Wenn es so etwas
wie eine 'karmische Anlage' gibt, dann können dies nur Klesa, geistige
Trübungen sein. Und die sollen eine Existenz als Jude bedingen?
Eher ist es doch wahrscheinlich, dass Hass und Gier zu einer Existenz
als jemand führt, der andere Menschen verfolgt und tötet,
nicht umgekehrt.
Also das würde würde mich jetzt wirklich interessieren, wie
Du Dir diesen Zusammenhang vorstellst. Sicher hat der Wille/Samskhara,
haben die 'karmischen Gestaltungen' bei der Wahl der Existenz eine Rolle
gespielt - also für den intelligiblen Charakter (als Kant-Kenner
dürfte Dir der Begriff ja geläufig sein). Würdest Du
sagen, dass Juden alle einen ähnlichen intelligiblen Charakter
haben? Was ist bei einer Existenz als Jude die bedingende Klesa? Gier?
Waren denn alle Juden 'Geldjuden' oder gab es nicht auch arme Teufel
unter ihnen? Also bitteschön - nun mal ganz konkret: welche unheilvollen
Handlungen führen ganz konkret dazu, dass man sich in einer Existenz
als Jude und schließlich "in einem Viehwagon und einer Gaskammer"
wiederfindet?
| Zitat Forumsteilnehmer A:
"Es
gibt die Tat, aber nicht den Täter" |
- ich weiss, Du möchtest diesen Aspekt ausgeklammert wissen.
Aber wir müssen uns schon für eine Argumentationsebene entscheiden.
Entweder wir machen den untauglichen Versuch, auf der Ebene paramartha-satya
zu reden; und dann gibt es zwar die Tat (wobei Nagarjuna z.B. auch
dies bestreitet), aber keinen Täter und auch keinen Erleidenden,
weil beide in eins zusammenfallen. Dann sind der, der Karma sät,
und der, der Phala erntet, identisch. Aber dann ist auch nichts voneinander
geschieden - dann bist Du auch Buddha und gleichzeitig das ertrunkende
Kind am Strand von Khao Lak, Eichmann und Anne Frank.
Oder aber wir reden auf der Ebene samvrti-satya - und da gibt es Naturkatastrophen
und es gibt durch Menschen verursachtes Unheil. Und bei letzterem
gibt es Opfer und Täter. Und auf dieser Ebene sollte man beides
nicht miteinander verwechseln.
Auf den Rest Deines Postings gehe ich nicht weiter ein, insbesondere
nachdem ich gerade das hier gelesen habe:
| Zitat Forumsteilnehmer A:
Da
die deutschen Nazis es geschafft haben, Millionen von Menschen
nur deshalb zu ermorden, weil sie Juden waren (ein ziemlich beispielloses
Verbrechen in der modernen Geschichte), dann ist das - wenn man
die buddhistische Lehre vom Leiden und der Entstehung von Leiden
ernst nimmt - ein Beweis dafür, dass in diesen Leidenden
die Früchte vergangener unheilsamer Handlungen zum Tragen
gekommen sind. Der erlebte Holocaust/die Shoah war Wirkung, Folge
von vergangenen "Willensimpulsen" dieser Menschen. |
Ich verzichte darauf, Dich zu bitten, DAS auch noch näher zu erläutern.
Das ist nicht nur in jeder Hinsicht Unsinn, in geschichtlicher, sozialer
und politischer - das ist vor allem eine groteske Verdrehung und Verleumdung
des Dharma.
(Die Diskussion wurde anonymisiert, leicht gekürzt und redigiert
- sie gibt daher in der hier wiedergegebenen Form nicht notwendig die
jeweiligen Ansichten konkreter Personen exakt und umfassend wieder)
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